Ich schließe die Wohnungstür auf und drücke sie ganz vorsichtig ins Wohnungsinnere. Aus Angst, dass die unzähligen VHS, DVDs und BluRays, die sich in sämtlichen Winkeln und Ecken breit gemacht haben, sich verselbständigen und ein wahres Chaos, wie bei einer Schlammlawine, verursachen und von Meter hohen Stapeln über mir hereinbrechen.
Zu meinem Entsetzen muss ich jedoch feststellen, dass meine Angst vollkommen unbegründet war. Ich taumel blind durch die Wohnung und sehe Nichts. Keine Meter hohen Stapel mit Filmmaterial, dass die Wände wie achtbeinige Spinnen herauf krabbelt.
Schweiß tritt aus all meinen Poren. Waren etwa Einbrecher am Werk und haben in Panzerknackermanier meine gesamte Wohnung leergeräumt, in dem Wissen, was für Werte, im materielle und seelischer Abhängigkeit, hier zu finden waren?
Wie vor einem Scherbenhaufen wanke ich durch alle Räume meiner Wohnung und plötzlich entdecke ich ein kleines Regal. Das Fassungsvermögen ist nicht für mehr als 30 DVDs ausgelegt. Meine Augen fangen an zu funkeln. Freudentränen kullern meiner Wange hinab, denn das Regal ist voll. Voll mit all meinen liebsten Schätzen.
Unzählige Stunden Filmmaterial, dass mir so viele schöne, traurige, lustige, verstörende, einsame und glückliche Momente geschenkt hat. Ich könnte das ganze Haus mit einem Yabadabadoo zusammen schreien – entschließe mich dann aber doch nur für ein kleines, gehauchtes “schön”.
In einem lichten Moment wird mir schließlich bewusst, dass ich meine gesamte Sammlung vor mir sehe. 30 DVDs. Nicht mehr und auch nicht weniger. 30 Filme, die es Wert sind, sich in meinem Besitz zu befinden. Erschaffen, um mir zu gefallen. Was andere von ihnen halten? Ist mir vollkommen egal.
Ich setzte mich in einen Sessel und ziehe das Regal zu mir heran. Vorsichtig nehme ich eine Hülle nach der anderen heraus und begutachte das Cover und die Inhaltsbeschreibung. Vor meinem inneren Auge lasse ich jeden Film abspielen und erinnere mich an signifikante Szenen. Ja, diese Filme sind es Wert, von mir mit Vorsicht behandelt zu werden und meine vollkommene Aufmerksamkeit zu genießen.
Ich blicke ein paar Minuten zurück und lasse die Szene, als ich die Wohnungstür aufschloss, Revue passieren. Erleichtert fange ich an zu lachen.
Ist es wirklich so, dass man jeden Film, den man irgendwann mal gesehen hat und für einigermaßen tauglich befunden hat, besitzen muss? Oder muss man gar jeden Film, der jemals produziert wurde und den Weg in eine Kino, ins Fernsehn oder auf eine DVD geschafft hat, gesehen haben?
Wer ist Filmfan und wer nicht? Was ist das Hobby Film überhaupt? Wenn ich mir ein mal in der Woche einen Film anschaue, bin ich dann ein Filmfan oder ist es ein Hobby? Ist es nicht vielmehr nur ein Zeitvertreib, um zu entspannen und sich zu erholen?
Muss ich gar ganze Filmpassagen meiner Lieblingsfilme auswendig mitsprechen können um ein Filmfan zu sein? Und dann auch noch jegliche Filme, in denen die Protagonisten mitgewirkt haben aus dem Stegreif Nachts wie ein Maschinengewehr herunterrasseln können?
Ein Hobby ist etwas, dass einem Spaß und Freude bereitet. Wenn ich einen Film schauen, erfahre ich diese Gefühle. Einfach gesagt heißt das also, dass Filme mein Hobby sind. Macht mich das dann aber gleichzeitig zu einem Filmfan?
Bewegte Bilder gibt es seit ewiger Zeit. Muss ich als Filmfan jedes Material gesehen habe, um überhaupt unter gleichgesinnten Anerkannt zu werden? Will ich das überhaupt? Eine Institution im Bereich Film sein, die zu jedem Streifen etwas sagen kann?
Ich für meinen Teil muss das ganz klar mit Nein beantworten. Ein Film macht mir Freude und das auch nur so lange, wie er mich unterhält. Bin ich dadurch, dass ich mit zeitgenössischen Filmen mehr anfangen kann, als mit Filmen, die 20, 30 oder noch mehr Jahre auf dem Buckel haben, nichts anfangen kann, kein Filmfan? Ist es überhaupt ein Hobby oder nur ein Zeitvertreib, dem entsprechende Gelegenheiten zugestanden werden?
Nur ein paar Gedanken – danke für die Aufmerksamkeit.
Ich möchte ja niemandem zu nahe treten. Deswegen antworte ich mal sehr diplomatisch. Wer oder was entscheidet, ab wann man Filmfan ist, kann doch nur jeder für sich entscheiden, oder?
Für mich ist es in den meisten Fällen einfach wichtig, Filme auf DVD oder Blu-ray zu besitzen, damit ich den O-Ton zuschalten kann. Ich möchte gar nicht sagen, dass jede Synchro einen Film versauen würde – für mich gehört aber die Originalsprache dazu wie bei Liedern der Text. Deswegen sammele ich mehr und mehr Filme um mich herum an und bin doch immer noch längst nicht zufrieden mit der Sammlung. Manchmal stehe ich einfach vor den DVDs und greife mir dann eine heraus, auf die ich gerade Lust habe. So kommt es eben auch, dass einige Scheiben schon seit Jahren unangetastet herumstehen – das Hobby Filmfan ist eben nicht immer leicht…